Übersetzen zwischen Gebrauchskeramik und Kunsthandwerk

In meinem Selbstverständnis sehe ich mich eher als Töpfer an der Scheibe denn als Maschinist, der an einer CNC-Drehmaschine arbeitet. Dieses Selbstbild hat in den vergangenen 18 Jahren, in denen ich nunmehr als freiberuflicher Übersetzer tätig bin, an Klarheit und Prägnanz gewonnen. Doch nicht immer bin ich ihm gefolgt.

Sich zu fragen, wer und was man sein will im Beruf und was nicht, ist nicht unerheblich. Wer noch neu ist in seinem Metier, ist froh, Fuß zu fassen. Hauptsache, der Anfang gelingt, das Wie ist nicht so wichtig. Wege gehen sich von selbst. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, Gelegenheiten beim Schopf gepackt.

Zwischen Routine und Intuition

Dann kehrt zum ersten Mal Routine ein. Kein unbeschriebenes Blatt mehr zu sein tut gut. Noch spürt man nicht die Mühen der Ebene. Was bedeutet Erfahrung genau? Ist es nicht das unbewusste Wissen der Intuition, das Handwerk gelingen lässt? Mit wenigen klaren Handgriffen zentriert der Töpfer den Klumpen Ton auf der Scheibe. Es sieht spielerisch aus, bis man es selbst zum ersten Mal versucht. Die Finger des Gitarristen suchen sich selbst ihren Weg über die Saiten. Wer musiziert, weiß, dass es ohne Nachdenken, jedoch mit konzentrierter Achtsamkeit am besten funktioniert.

Auch beim Übersetzen habe ich irgendwann diese Fertigkeit entwickelt, einfach die ersten Sätze hinzuschreiben, einen Fluss zu entwickeln, den Ton des Textes zu etablieren. Fragt mich jemand: Wie machst du das?, flüchte ich zunächst ins Ungefähre. Erst viel später kann ich es mir selbst erklären – am besten mit Metaphern und Bildern von Menschen, die mit ihren Fingern, Händen arbeiten: Handwerker, Kunsthandwerker, Künstler.

Sich zu fragen, wer und was man sein will im Beruf, ist nicht unerheblich.

Mit den Fingern tippend, wähne ich mich unter ihnen. Aber ist das nicht selbstverklärende Romantik? Produzieren die meisten Kolleginnen, Kollegen und ich nicht in erster Linie Gebrauchstexte? Und selbst wenn dabei neben Sorgfalt auch Ideen gefragt sind: Erledigen wir nicht häufig unter Zeitdruck einen Job und sind froh, wenn der Auftrag endlich durch den Cyberspace zum Kunden eilt?

An dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzuschauen und zu fragen: Wo liegen meine Stärken? Welche Tätigkeiten verschaffen mir Befriedigung? Tüftle ich gerne an den mehrzeiligen Schachtelsätzen angloamerikanischer Verträge? Macht es mir Spaß, in Fondsberichten und Aktienanalysen alte Bekannte zu treffen und die Worte routinemäßig über die Tastatur fliegen zu lassen? Brauche ich immer wieder neue Herausforderungen, oder bleibe ich nur zu gern bei meinen Leisten?  In Zeiten von CAT-Tools und Online-Wörterbüchern kann man durchaus Freude finden an effizienten Abläufen und Haken, die sich setzen lassen: Schon erledigt!

Differenzierungsmerkmale im Zeitalter der Globalisierung

Schnelligkeit und Servicebereitschaft sind jedoch längst kein Differenzierungsmerkmal mehr. In einem globalen Markt, in dem sich internationale Übersetzungsfirmen durch Fusionen und Übernahmen zu positionieren suchen, erlangt die Frage, was den Freiberufler auszeichnet, eine neue Brisanz. Zuverlässigkeit, Qualifikation und Spezialisierung sind die Tugenden des Facharbeiters.

Durch Persönlichkeit könnte der einzelne Übersetzer womöglich mehr unverwechselbare Attraktivität erlangen: Was macht meinen Stil aus? Wo kann ich dem Kunden zusätzliche Qualität bieten, wenn seine Texte nicht nur funktional und zweckgebunden sind, sondern durchaus eine persönliche, vielleicht sogar emotionale Note transportieren wollen? Sichtbar machen und zeigen lässt sich das nur in der Arbeit selbst. Handwerk ist zum Anfassen, lässt sich spüren. Heutzutage will ein Geschäftsbericht mehr sein als nur ein Jahresabschluss.

Auf einer Radtour vor einigen Sommern kam ich abends in ein kleines Städtchen am Main, suchte mir ein Quartier, wanderte durch die schon dunklen Gassen. Vor dem erleuchteten Schaufenster einer Töpferei blieb ich, fasziniert von den Glasuren der ausgestellten Teller, Tassen und Schüsseln, lange stehen. Leider war am nächsten Tag geschlossen. Es war schon kurz vor Weihnachten, als ich die mehrstündige Autofahrt auf mich nahm, um das Geschäft erneut aufzusuchen. Die Töpferin erzählte mir, wie sie über Jahre hinweg die Rezepturen ihrer Glasuren entwickelt hatte, originell, unverwechselbar und kostbar. Vorsichtig nahm ich ihre Teeschalen in die Hand und strich mit dem Finger über die Oberfläche. Es war nicht leicht, ein oder zwei Stücke auszuwählen, die mir besonders schön erschienen und die ich mit nach Hause nahm.