Words mean so many different things

„Die Frage ist doch“, sagte Alice, „ob du den Worten einfach so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst.“
„Die Frage ist“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat – und das ist alles.“

Worte und Wörter an sich sind weder eindeutig noch klar. Je nachdem, wer wann zu wem etwas sagt, kann es vielerlei bedeuten. Oft werden Worten Bedeutungen verliehen, die sie ursprünglich gar nicht hatten. Der Rechner war einst kein Computer, und die Birne glühte nicht von Anfang an.

Umgekehrt kann sich die Deutung einer Situation je nach Wortwahl subtil verändern. Wer einem Wort eine neue Bedeutung oder einer Situation eine neue Deutung gibt, bedient sich der Kraft der Veränderung auch in der Sprache und nimmt Einfluss. Gleichzeitig muss er sich jedoch auf den Zuhörer zubewegen, damit der ihm zu folgen bereit ist und ihm die beanspruchte Autorität auch zubilligt.

Erst wenn wir uns auf das Veränderliche in Bedeutung und Deutung einlassen, entfaltet das Kreative der Sprache seine Kraft: Alte Wörter können immer neue Gedanken ausdrücken. Wären Wörter in ihrer Bedeutung hingegen ein für alle Male festgelegt, könnten sie zwar von Maschinen übersetzt werden, doch die  veränderliche Welt ließe sich irgendwann nicht mehr in Worte fassen.

 

Dolmetschen erfordert Empathie

Zu unserem Alltagsvokabular sind nicht nur neue Gegenstände hinzugekommen, wie beispielsweise Smartphones oder Laubbläser, die vor 20 Jahren noch gar nicht existierten. Die Kommunikation mit Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft ist insgesamt alltäglicher geworden, ohne dass wir ihre Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten, die den Hintergrund ihrer Äußerungen bilden, stets kennen und ermessen können.

Beim Dolmetschen (und auch beim Übersetzen) ist daher Empathie gefragt – für die Sprecherin und für den Zuhörer: Was sollen ihre Wörter und Worte wirklich bedeuten, und was braucht der Zuhörer in der Wortwahl der Zielsprache, damit diese Bedeutung auch tatsächlich, wie von der Sprecherin gewünscht, bei ihm ankommt?

Im Gespräch mit Alice behauptet Humpty Dumpty, es sei eine Frage der Macht, welche Bedeutung man den Worten verleiht. Das ist gewissermaßen der komplementäre Pol zur Empathie: Worte sollen eine bestimmte Wirkung erzielen. In ihr liegt der Zweck der Kommunikation, und somit ist es keineswegs beliebig, wie der Gegenüber etwas verstehen soll.

Die Wirkung mag mehr oder minder subtil sein: Menschen werden durch Worte veranlasst, etwas zu tun. Häufig aber lösen Worte lediglich Gedanken oder Gefühle aus, ohne dass daraus zwangsläufig eine unmittelbare Reaktion im Außen erfolgt. Und doch können die so veränderlichen Worte, wohlgesetzt, Veränderungen den Weg ebnen – zunächst in der inneren, später auch in der äußeren Welt.

Gelingende Kommunikation erfordert meines Erachtens beides: auf den Gegenüber empathisch einzugehen und den eigenen Worten Gestaltungskraft zu verleihen. Ihnen jene Bedeutung zu geben, die dem Zuhörer keine Deutung aufzuzwingen sucht, ihn aber durchaus mit Neuem herausfordert – und im besten Fall bereichert.